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Gibt es Schutzengel?

Ein besonders gläubiger Mensch bin ich in den letzten zwanzig Jahren nicht gewesen. Daher habe ich bei dem Gedanken an ein ganz besonderes Ereignis aus dem Jahr 2007 immer noch schwer einzuordnende Gefühle.

Wir hatten beschlossen unseren Urlaub in jenem Jahr in Frankreich zu verbringen. Die Schwester meines Kollegen bot uns ihr Privathaus housesittingmäßig an und wir nahmen das für uns erst einmal völlig ungewöhnliche Angebot neugierig an. Zu unseren wenigen Pflichten gehörte während der Abwesenheit der Familie, die Fütterung der eigenen 5-köpfigen Hühnerfarm, die Pflege des Goldfisches und natürlich das obligatorische Blumengießen. Wir hatten eine Menge Spaß mit unseren ungewöhnlichen Aufgaben und den täglichen Unternehmungen und genossen die freie Zeit sehr intensiv.

Der Sommerurlaub verging wie im Flug und der Tag der Abreise kam. Auf dem Rückweg stand ein kleiner Abstecher nach Hossegor auf dem Programm. Hossegor, ein kleines Dorf zwischen Bordeaux und der spanischen Grenze. Wundervoll idyllisch gelegen. Direkt am Atlantik. Meine Frau kannte dieses Örtchen im Süden Frankreichs bereits seit vielen Jahren. Wie oft hatte sie mir schon von dem wunderbaren Sandstrand und den endlosen Pinienwäldern vorgeschwärmt und ich war schon voller Vorfreude darauf, was mich an diesem Tag erwarten würde.

Nach einigen Stunden Autofahrt waren wir an unserem Teilziel angekommen, parkten den Wagen in einer kleinen Seitenstraße und gingen zu Fuß in den kleinen malerischen Küstenort. Auf dem Weg in den Ort stach uns beiden gleichzeitig eine große dunkle Oberklasse-Limousine ins Auge, die am Straßenrand geparkt war. Es war ein Rover, dunkelblau mit luxuriösen beigefarbenen Ledersitzen. Obwohl wir uns eigentlich nicht wirklich für große Autos interessieren und dazu tendieren, den Grad der Arroganz des Besitzers am Kaufpreis des Wagens festzumachen, zog uns das Gefährt wegen seiner Ungewöhnlichkeit in seinen Bann.

Kurze Zeit später erreichten wir den schönen Ortskern und gingen in einer kleinen außergewöhnlichen Pizzeria mit dem Namen Pinocchio essen. Dann schauten wir uns Hossegor noch ausgiebig an und waren schließlich schon gedanklich auf dem Heimweg, als wir auf die Idee kamen, noch einige Flaschen von unserem französischen Lieblingswein mit nach Hause zu nehmen. Kurz entschlossen kauften wir eine Kiste mit sechs Flaschen in einer Weinhandlung, die auf dem Weg lag. Gut gelaunt verließen wir das Geschäft.  Während wir noch herumalberten und in die Seitenstraße, in der unser Wagen stand einbogen, hörte ich urplötzlich direkt neben mir ein lautes Geräusch.

Ich erschrak und wusste im ersten Moment gar nicht, was passiert war. Dann registrierte ich, dass eine der Weinflaschen den morschen Pappboden des Kartons durchschlagen hatte und mit einem lauten Knall auf die Straße gefallen war. Dort war sie auf eine recht eigenartige Weise geborsten und ein großes Stück Glas musste ganz offensichtlich in die Höhe katapultiert und gegen den Unterarm meiner Frau geschleudert worden sein. Denn genau in diesem Moment sah ich, dass Blut in relativ großer Menge an ihrem Arm hinunter lief. Ich schaute auf die rote Flüssigkeit und ich sah in ihr Gesicht und hatte dabei den Eindruck, dass sämtliches Blut aus ihrem Kopf gewichen war. Sie war bleich und starrte mit offensichtlich großen Schmerzen auf die tiefe Fleischwunde.

Ich wusste nicht, was ich machen sollte. Völlig überfordert mit der Situation lief ich erst einmal zum Wagen, der nur noch einige Meter entfernt stand, um den Verbandskasten aus dem Kofferraum zu holen. Unglücklicherweise hatten wir unser gesamtes Gepäck Koffer, Tüten und Taschen dort deponiert und der Verbandskasten lag irgendwo darunter.

In größter Panik wollte ich ihr noch zurufen, dass es noch einen Moment lang dauern würde und drehte mich zu ihr um. Da sah ich erstaunt, dass sich bereits ein dunkelhaariger Mann um sie kümmerte. Mit weichen Knien lief ich die paar Meter zum Unfallort zurück. Der Franzose war offensichtlich der Besitzer des tollen Rovers. Er ging schnell zu seinem Wagen, öffnete die Klappe des Kofferraumes und griff routiniert zu seinem Verbandskasten. Ganz ruhig und besonnen. So, als wenn er schon hundertfach Menschen in dieser Notlage geholfen hatte.

Innerhalb weniger Minuten war die tiefe Fleischwunde von dem Fremden, den wir noch niemals zuvor gesehen hatten, versorgt. So professionell hatte ich vorher nur Ärzte arbeiten sehen.

Nachdem sich die erste Aufregung gelegt hatte bedankten wir uns mit unseren spärlichen Französischkenntnissen, für sein selbstloses Handeln. Er winkte nur bescheiden ab, mit den Worten, dass seine Hilfe von Herzen komme und kein Dank notwendig sei. Dann nahm er seinen Verbandskasten und ging mit einem Lächeln auf den Lippen fort.

Noch etwas benommen verharrten wir einige Minuten am Straßenrand und verarbeiteten diese Schock-Situation. Als wir uns wieder einigermaßen gefangen hatten, gingen wir zurück zu unserem Wagen.

Der luxuriöse Rover mit seinem Fahrer war nicht mehr zu entdecken. Verschwunden, innerhalb von wenigen Minuten. So, als wäre er nie da gewesen!

Seit diesem Tag bin ich mir nicht mehr ganz so sicher, ob es nicht doch Schutzengel gibt.

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